Der Unterschied zwischen Leben und Tod ist normalerweise eine dünne Linie. Die gilt auch für die Existenz von arktischem Meereis und aller Tiere, die davon abhängig sind, gemäss einer neuen Studie einer Forscherin der Universität von Colorado. Ihre Berechnungen zeigen, dass bereits ein halbes Grad darüber entscheiden kann, ob die Arktis ganz sicher oder nur wahrscheinlich eisfrei sein wird.

Der Arktische Ozean schafft es nicht aus den Medien hinaus mit seinem kontinuierlichen Verlust an Meereis. Gemäss einer neuen Studie hängt die Wahrscheinlichkeit eines eisfreien Sommers oder nicht gerade einmal von einem halbe Grad Celsius ab. Daher hängen Eisbären und andere Tiere vom guten Willen der politischen Führungen ab, die ihre Klimaziele erfüllen sollten. Bild: Michael Wenger
Der Arktische Ozean schafft es nicht aus den Medien hinaus mit seinem kontinuierlichen Verlust an Meereis. Gemäss einer neuen Studie hängt die Wahrscheinlichkeit eines eisfreien Sommers oder nicht gerade einmal von einem halbe Grad Celsius ab. Daher hängen Eisbären und andere Tiere vom guten Willen der politischen Führungen ab, die ihre Klimaziele erfüllen sollten. Bild: Michael Wenger

Die Resultate, die in der renommierten Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht worden sind, zeigen, dass die Begrenzung der Erwärmung auf 1.5° Celsius die Wahrscheinlichkeit eines eisfreien arktischen Sommers bis zum Jahr 2100 um 30 Prozent verringern  würde. Dagegen würde eine Erwärmung um 2° Celsius mindestens einen komplett eisfreien Sommer ganz sicher machen. „Ich habe nicht erwartet, dass ein halbes Grad einen solchen Unterschied bedeuten würde. Aber es ist tatsächlich so“, meint Alexandra Jahn, Autorin der Arbeit und Assistenzprofessorin an der Universität Boulder in der Abteilung Atmosphären- und Ozeanforschung. „Bei 1.5 Grad Celsius bleiben wir innerhalb unseres gegenwärtigen Meereisregimes im Sommer. Doch bei einer Erwärmung um 2 Grad wird das Gebiet des Meereises immer unter dem bleiben, was wir in den letzten Jahrzehnten erlebt hatten.“ Die Studie benutzte Simulationen der Community Earth System Model (CESM), die am nationalen Zentrum für Atmosphärenforschung (NCAR) genutzt wird und allgemein etabliert ist. Dabei wurden Erwärmungsszenarien von 1.5 bis 4 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts untersucht. Die untere Grenze der Studie ist eine wichtige Marke in der Welt: Im Pariser Klimaabkommen von 2015 wurde das globale Ziel einer Erwärmungsgrenze bei 1.5 Grad Celsius gesetzt.

Die Ausdehnung des arktischen Meereises hat seit Beginn dieses Jahrhunderts immer weiter abgenommen. Die kleinste Ausdehnung wurde 2012 mit weniger als 4 Millionen km2 erreicht. Zum Vergleich: Der Ozean gilt als eisfrei bei einer Ausdehnung, die weniger als 1 Million km2 beträgt. Bild: NASA
Die Ausdehnung des arktischen Meereises hat seit Beginn dieses Jahrhunderts immer weiter abgenommen. Die kleinste Ausdehnung wurde 2012 mit weniger als 4 Millionen km2 erreicht. Zum Vergleich: Der Ozean gilt als eisfrei bei einer Ausdehnung, die weniger als 1 Million km2 beträgt. Bild: NASA

Durch die steigenden globalen Temperaturen hat die Ausdehnung des arktischen Meereises in den letzten Jahren abgenommen. Doch die Effekte einer zukünftigen Erwärmung bleiben unsicher. Die neuen Erkenntnisse illustrieren, dass verschiedene Szenarien der CO2-Emissionen zu ganz unterschiedlichen Resultaten in Bezug auf Meereis im Sommer kommen. „Dieses neue Datenset erlaubt es uns, vorherzusagen, wie bald und wahrscheinlich wir eine eisfreie Arktis erleben werden und wie oft“, meint Jahn. „Unter dem 4-Grad-Szenario haben wir eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine dreimonatige eisfreie Arktis im Sommern ab 2050. Bis zum Ende des Jahrhunderts kann dann dies auf fünf Monate pro Jahr ohne Eis ansteigen. Und sogar bei nur 2 Grad Celsius Erwärmung sind bis zu 2 monatige eisfreie Bedingungen pro Jahr bis ins späte 21. Jahrhundert möglich.“ Doch, sagt Jan weiter, würde die Erwärmung bei 1.5 Grad bleiben, würde die Wahrscheinlichkeit eines eisfreien Sommers um 70 Prozent sinken und könnte so ein eisfreies Szenario ausbremsen oder sogar verhindern. Der signifikante Unterschied bei den Resultaten zwischen 1.5 und 2 Grad Celsius könnte sich als zusätzliche Motivation für die Länder herausstellen, die 1.5 Grad Zielmarke erreichen zu wollen, um die gegenwärtigen ökologischen Bedingungen beizubehalten. „Ausserdem gibt es auch gute Neuigkeiten: Meereis hat eine schnelle Reaktionszeit und könnte sich theoretisch wieder erholen, wenn wir die globalen Temperaturen in der Zukunft wieder runterfahren könnten“, meint Jahn. „In der Zwischenzeit könnten aber andere Ökosysteme permanente negative Effekte durch den Meereisverlust erleben. Und die können sich nicht notwendigerweise erholen.“

Die Eiskante ist ein reichhaltiger Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren. Neben Robben und Eisbären finden dort auch Wale und Vögel genügend Nahrung in dieser eisigen Welt. Bild: Michael Wenger
Die Eiskante ist ein reichhaltiger Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren. Neben Robben und Eisbären finden dort auch Wale und Vögel genügend Nahrung in dieser eisigen Welt. Bild: Michael Wenger

Quelle: University of Colorado, Boulder