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Forscher des kanadischen Naturmuseums und des Naturhistorischen Museums von Los Angeles County (NHMLA) haben die 3.5 Millionen Jahre alten Überreste eines Bären aus einer fossilien-reichen Stelle in der kanadischen Arktis identifiziert. Ihre Studie zeigt zum einen, dass das Tier ein naher Verwandter des Vorfahren moderner Bären war und seine Ursprünge nach Ostasien zurückreichen; zum anderen, dass das Tier eine süsse Ader hatte, wie aus Löchern in den Zähnen hervorgeht.

Eisbären in der kanadischen Arktis kommen vom äussersten Norden von Ellesmere Island bis ins Hudson Bay Gebiet vor. Scheinbar lebte ein verwandter Vorfahre im ähnlichen Gebiet, aber mit einem anderen Lebensstil. Bild: Michael Wenger
Eisbären in der kanadischen Arktis kommen vom äussersten Norden von Ellesmere Island bis ins Hudson Bay Gebiet vor. Scheinbar lebte ein verwandter Vorfahre im ähnlichen Gebiet, aber mit einem anderen Lebensstil. Bild: Michael Wenger

Die Wissenschaftler identifizierten den Bären als Protarctos abstrusus, von dem bisher nur ein Zahn aus Idaho bekannt gewesen war. Als Beweis für seinen Übergangsstatus gelten seine kleinere Körpergrösse (kleiner als ein Schwarzbär), sein flacherer Kopf und die Kombination von modernen und primitiven Zahncharakteristika. „Das ist der Beweis für den nördlichsten Verbleib von primitiven Bären und gibt uns eine Idee, wie der Vorfahre der modernen Bären ungefähr ausgesehen haben muss“, erklärt Dr. Xiaoming Wang, Hauptautor der Studie und Leiter der Wirbeltierpaläontologie im NHMLA. „Genauso interessant ist die Anwesenheit von Karies, was zeigt, dass orale Infektionen eine lange evolutionäre Geschichte bei den Tieren hat und uns ihre zuckerhaltige Ernährung verrät, die wahrscheinlich von Beeren stammt. Das ist das erste und früheste dokumentierte Vorkommen einer kalorienreichen Nahrung von primitiven Bären. Wahrscheinlich diente sie der Fettlagerung als Vorbereitung für die eisigen arktischen Winter.“ Das Forscher-Team, zu dem auch Dr. Natalia Rybczynskivom kanadischen Naturmuseum gehört, konnten die ausgegrabenen Knochen des Schädels, Kiefer, Zähne und Teile des Skeletts von zwei Individuen untersuchen.

Die Knochenteile und Zähne erlaubten es den Forschern, ein Modell eines Schädels des Bärenvorfahren zu erstellen. Bild: Xiaoming Wang
Die Knochenteile und Zähne erlaubten es den Forschern, ein Modell eines Schädels des Bärenvorfahren zu erstellen. Bild: Xiaoming Wang

Die Knochen wurden im Verlauf von 20 Jahren durch Forscher des kanadischen Naturmuseums, inklusive Dr. Rybczynski, an einer Fossilienfundstelle auf Ellesmere Island gefunden. Die Torfablagerungen beinhalten auch fossile Pflanzen, die ein Hinweis auf einen nadelwald-ähnlichen Nassbodenwald liefern. Ausserdem fand man andere Fossilien wie beispielsweise Fische, Biber, kleine Raubtiere, Kleinhirsche und ein drei-zehiges Pferd. Die Funde zeigen, dass der Protarctos auf Ellesmere Island in einem nördlichen Nadelwaldähnlichen Waldhabitat lebte, wo es im Winter 24 Stunden dunkel sein konnte und während sechs Monaten Schnee und Eis lag. „Das ist ein bedeutender Fund, zum Teil, weil all die anderen Bärenfossilien und auch teilweise die modernen Bärenarten wie zum Beispiel der Faultierbär und der Sonnenbär sich bevorzugterweise in milderen Klimazonen aufgehalten haben“, erklärt Dr. Rybczynski. „Damit ist der Ellesmere-Bär wichtig, weil es zeigt, dass die Fähigkeit, die harschesten, nördlichsten Wälder zu erobern, nicht eine Erfindung der modernen Grizzlies und Schwarzbären war, sondern von Anfang an ein Charakteristikum der Bärenlinie war.“

Andere Bärenarten in Nordamerika sind die Grizzlies und Schwarzbären. Beide haben begonnen, weiter nach Norden zu drängen im Zuge des wärmer werdenden Klimas in Kanada. Begegnungen mit Eisbären haben dadurch zugenommen. Bild: Michael Wenger
Andere Bärenarten in Nordamerika sind die Grizzlies und Schwarzbären. Beide haben begonnen, weiter nach Norden zu drängen im Zuge des wärmer werdenden Klimas in Kanada. Begegnungen mit Eisbären haben dadurch zugenommen. Bild: Michael Wenger

Dr. Wang analysierte die Eigenschaften fossiler Bärenüberreste von überall auf der Welt, um die Teile von Ellesmere Island Protarctos zuweisen zu können und einen Entwicklungslinie zu den anderen Bärenvorfahren ziehen zu können. Moderne Bären sind weit verbreitet, vom Äquator bis in die hohe Arktis. Ihre Vorfahren, die vor allem aus Eurasien stammen, datieren rund 5 Millionen Jahre zurück. Doch die Fossilienlage ist schlecht und ihre frühe Entwicklung kontrovers. Die neuen Fossilien repräsentieren eine der frühesten Einwanderungswellen von Asien nach Nordamerika, ist aber nicht ein direkter Vorfahre des heutigen Schwarzbären. Von weiterer Bedeutung ist, dass die Zähne von beiden Fossilien Zeichen von weit fortgeschrittener Karies aufweisen. Das weist daruaf hin, dass diese ursprünglichen Bären grosse Mengen an zuckerreicher Nahrung zu sich nahmen, vor allem Beeren. Tatsächlich finden sich Rückstände von Beerenpflanzen in denselben Ablagerungen wie die der Bären. „Wir wissen, dass modernen Bären zuckerhaltige Früchte im Herbst verspeisen, um die Fettvorräte zu steigern und so sich für den Winterschlaf vorbereiten. Die Zahnlöcher bei Protarctos weisen darauf hin, dass die Aufnahme von zuckerreicher Nahrung als Vorbereitung für den Winterschlaf sich schon früh in der Entwicklungsgeschichte der Bären als Überlebensstrategie abgezeichnet hatte“, sagt Rybczynski zum Schluss.

Eisbären sind in erster Linie Fleischfresser. Aber in schlechten Zeiten werden auch andere Nahrungsquellen wie beispielsweise Algen gesucht. Doch der Energiegewinn ist sehr klein. Bild: Michael Wenger
Eisbären sind in erster Linie Fleischfresser. Aber in schlechten Zeiten werden auch andere Nahrungsquellen wie beispielsweise Algen gesucht. Doch der Energiegewinn ist sehr klein. Bild: Michael Wenger

Quelle: Natural History Museum of Los Angeles County