Kaum zu glauben, dass in der Arktis einst Dinosaurier gelebt haben sollen. Noch schwerer zu glauben ist, dass ein kleines Beuteltier zwischen diesen Giganten gelebt und gedeiht hatte. Doch ein Forscherteam hat im Norden von Alaska Fossilien eines bisher unbekannten Säugetiervorfahren entdeckt: Unnuakomys hutchinsoni, 69 Millionen Jahre alt.

Die Region im Norden von Alaska entlang des Colville Flusses ist heute eine arktische Tundralandschaft. Vor 69 Millionen Jahren lag die Region 10 Grad nördlicher und war eine reichhaltige Landschaft mit einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Bild: Patrick Druckenmiller
Die Region im Norden von Alaska entlang des Colville Flusses ist heute eine arktische Tundralandschaft. Vor 69 Millionen Jahren lag die Region 10 Grad nördlicher und war eine reichhaltige Landschaft mit einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Bild: Patrick Druckenmiller

Vor 69 Millionen Jahre, in der späten Kreidezeit, sah das nördliche Alaska ganz anders aus: wo sich heute eine weite, relativ flache Tundralandschaft erstreckt, stand eine vielfältige Pflanzengesellschaft. Statt Moschusochsen und Rentiere zogen mächtige Dinosaurier ihrer Wege. Und mittendrin lebte Unnuakomys hutchinsoni, ein daumengrosses Beuteltier. Diese Tiergruppe gehört zu den Vorläufern der Säugetiere und einige Vertreter finden sich heute noch in Australien und Neuguinea. Prominentestes Beispiel sind die Kängurus und Wallabies in Australien. Der Fund, den Forscher an den Hängen des Colville Rivers in Alaska gemacht hatten, zeigt, dass die Region zu jener Zeit nicht eine wüste und leblose Gegend gewesen war. Vielmehr hat die Wissenschaft in den Ablagerungen des Flusses eine grosse Zahl von verschiedensten Fossilien entdeckt. Das kleine Beuteltier fügt ein weiteres Stück zum Bild dieser reichhaltigen Landschaft bei und gilt als nördlichstes Beuteltier weltweit. Der Direktor des Museums of the North der Universität Alaska, Dr. Patrick Miller, erklärt: «Das nördliche Alaska wurde nicht nur von einer grossen Zahl von Dinosaurierarten bevölkert, sondern wir finden auch eine steigende Zahl von Säugerarten, die halfen, die Nischen zu füllen. Mit jeder neuen Art erhalten wir ein deutlicheres Bild dieser altertümlichen polaren Landschaft.»

Gemäss den bisherigen Funden war die Region der heutigen North Slope in Alaska eine vielfältige und reichhaltige Landschaft mit grossen pflanzenfressenden Sauriern und daneben anderen Tierarten wie den aufstrebenden Säugetieren. Dazu zählte auch das neueste Mitglied der Beuteltiergruppe, Unnuakomys hutchinsoni. Bild: James Havens
Gemäss den bisherigen Funden war die Region der heutigen North Slope in Alaska eine vielfältige und reichhaltige Landschaft mit grossen pflanzenfressenden Sauriern und daneben anderen Tierarten wie den aufstrebenden Säugetieren. Dazu zählte auch das neueste Mitglied der Beuteltiergruppe, Unnuakomys hutchinsoni. Bild: James Havens

Der kleine Beuteltiervertreter wurde aber nicht wie seine grossen Mitbewohner einfach gefunden. Das Tier, das wahrscheinlich wie ein kleines Opossum ausgesehen haben könnte, hate nur kleine Fossilienreste hinterlassen. In mühsamer Kleinstarbeit siebten Studenten und Helfer die Proben von Sedimentablagerungen und untersuchten sie unter dem Mikroskop auf fossilisierte Zähne von der Grösse eines Sandkorns. Unnuakomys hutchinsoni hatte sich von Insekten und Pflanzen ernährt, auch während der langen Monate in Dunkelheit. «Ich mag es, nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen zu suchen, mehr nach Steinen als nach Fossilien», meint Gregory Erickson, Paläobiologe an der Florida State University und Mitautor. Die Zähne und einige Unterkieferknochen, die in den Proben gefunden worden waren., wurden dann von Jaelyn Eberle, Kuratorin am Naturhistorischen Museum der Universität Colorado, untersucht und enthüllten eine neue Art. Denn alle Säugetierzähne haben einzigartige Oberflächen, beinahe wie ein Fingerabdruck. «Würde ich im Denver Zoo das Maul eines Löwen aufreissen und meinen Kopf hineinhalten – was ich nicht wirklich empfehle -, würde ich anhand der Backenzähne sagen können, von welcher Gattung und welcher Art das Tier war.» Dadurch konnte Dr. Eberle einwandfrei sagen, dass die fossilisierten Zähne einer bisher unbeschriebenen Art gehörten. Der Name des kleinen Beutler Unnuakomys hutchinsoni verbindet das Inupiaq-Wort für «Nacht» mit dem griechischen Wort für «Maus» als Referenz an die dunklen Winter und den Paläontologen J. Howard Hutchinson, der als erster die Fundstelle als eine fossilien-reiche Stelle beschrieben hatte.

Beuteltiere sind in der Arktis keine zu finden. Doch vor 69 Millionen Jahren lagen die Temperaturen höher und die arktischen Regionen waren etwas milder als heute. Trotzdem machten Dunkelheit und vielleicht sogar Schnee den wechselwarmen Reptilien zu schaffen. Bild: Michael Wenger
Beuteltiere sind in der Arktis keine zu finden. Doch vor 69 Millionen Jahren lagen die Temperaturen höher und die arktischen Regionen waren etwas milder als heute. Trotzdem machten Dunkelheit und vielleicht sogar Schnee den wechselwarmen Reptilien zu schaffen. Bild: Michael Wenger

Quelle: Jeff Richardson / University of Alaska, Fairbanks